Ein umgebautes Radio mit Wehrmachtsröhren

©Norbert Meier aus Weinheim 2005 und 2015


Raritäten auf der Radioausstellung in Birkenau

Aus Anlass des 75-jährigen Bestehens des deutschen Rundfunks besuchten Ute und ich
im Mai 2003 die Radioausstellung im Nachbarort Birkenau. Wir waren erstaunt über
die Vielzahl der alten Röhrenradios und betrachten gerade den Ausstellungstisch mit
den Volksempfängern (VE).

Radio-Ausstellung in Birkenau 2003

Im oberen Regal erblicke ich den kleinen DKE38 mit der Jg.-Nr. 43. Links daneben der
größere VE301, den ich aus meiner Kindheit noch in Erinnerung hatte.

Ein schmaler Gang hinter den aufgestellten Radios erlaubt auch einen Blick auf die
Rückseiten der Radios. Auf der Rückwand vom Radio Jg.-Nr. 33 ist ein weißes Schild
aufgeklebt mit der folgenden handgeschriebenen Beschriftung:

Rückwand mit Aufklebeschild

Umgebaut vom Fachmann mit Wehrmachtsröhren... Das möchte ich mir als ehemaliger Radio-
bastler mal genauer ansehen. Meine höflich vorgetragene Bitte an den Ausstellungsleiter,
die Rückwand abschrauben zu dürfen, um einen Blick auf das Radiochassis mit den Wehrmachts-
röhren zu werfen, wurde nicht abgelehnt.

Das Radio mit dem Holzgehäuse stellte man extra auf einen Montagetisch und ich durfte
die vier Schrauben in der Rückwand herausdrehen. "Ute, gib mir bitte noch einmal deine
Digitalkamera aus deiner Handtasche", sagte ich und war gespannt, was im Radio-Holzkasten
zu sehen ist.

Radio-Chassis umgebaut mit Wehrmachtsröhren

Vom Radiochassis sind Bauteile demontiert und andere Radioteile vom "Fachmann" eingebaut.
Röhren sind nicht zu sehen. Oder doch ? Was sehe ich denn da !

Selengleichrichter und zwei RV12P2000

Mit einer Nahaufnahme werden Details sichtbar: Links im Bild ist anstelle einer Gleichrich-
terröhre in der Röhrenfassung ein aus roten Scheiben hergestellter Selengleichrichter
senkrecht eingebaut, in der Mitte und rechts daneben sind zwei braun-schwarze Sockel mit
den eingesteckten Wehrmachtsröhren zu sehen.

Der plattenförmige Luftdrehkondensator in der Bildmitte hinten und auch der Spulenkörper
für den Mittel- und Langwellenempfang sind Originalbauteile vom Gemeinschafts-Radio VE 301G,
das von der Firma Dr. Georg Seibt A.G. in Berlin etwa in den Jahren von 1933 bis 1935 her-
gestellt wurde.


Mit einem kleinen Schraubenzieher und einer hebelartigen Bewegung hebe ich den rechts im Bild
eingestecken Röhrenkörper seitlich an und er springt nach oben. Tatsächlich, es ist eine
Wehrmachtsröhre RV12P2000, aber in einem schlechten äußeren Zustand, wie das folgende Bild
zeigt:

Die alte Röhre RV12P2000 mit Sockelansicht

Der Ausstellungsleiter staunte, als ich ihm sagte, dass ich diese Montagefertigkeit vor mehr
als 50 Jahren von meinem älteren Bruder erworben hatte.

Erst kürzlich (Juni 2015) waren Ute und ich auf einem Radio-Museumsfest mit Radioflohmarkt
in Münchweiler. Dort habe ich eine RV12P2000 aus der Kriegsproduktion von Telefunken im
Röhrenwerk Ulm und den speziellen Röhrensockel erworben.

Die RV12P2000 mit Fassung


Weitere Informationen holte ich mir aus dem Internet mit der Suchmaschine Google und dem Stich-
wort "RV12P2000". Eine unglaubliche hohe Anzahl von 1820 Seiten wird mir am PC zur Auswahl
angeboten:

Google mit Stichwort RV12P2000

Von der etwa 4 cm hohen Wehrmachtspentode, habe ich die Stiftbelegung aus einer Röhrentabelle
entnommen.

Die Röhre RV12P2000

Im Internet fand ich auch den Hinweis, dass noch im Jahre 1955 im Katalog von der Firma Radio-
RIM ein Bausatz für ein Mittelwellen-Radio mit zwei Röhren und einem Selengleichrichter an-
geboten wurde. Einen modifizierten Schaltplan mit zwei Röhren RV12P2000 und einem Netztrafo
mit Selengleichrichter in Einwegschaltung zeigt die folgende Grafik:

Radio-Bausatz mit zwei RV12P2000

Auch in meinem Bücherschrank werde ich zu meiner Überraschung findig: Ich besitze noch heute
zwei Röhrentaschentabellen und zwar die eine vom Funkwerk-Verlag, Potsdam 1948 und die andere
vom Franzis-Verlag, 5. Auflage München 1956. Die Kenndaten der RV12P2000 sind : Heizung
12,6 V~; Anodenspannung 200 V= ; Frequenzbereich NF bis UKW (in Funkgeräten der Wehrmacht)

Persönliche Erinnerungen an die Nachkriegszeit

Mein Bruder Claus-Dieter, dem ich die Bilder per E-Mail zugesandt hatte, war beim Betrachten
dieser Radio- und Röhrenbilder innerlich derart aufgewühlt, dass seine erlebte Vergangenheit
kurz nach dem Krieg, plötzlich wie in einem Film, für ihn sichtbar wurde. Wenige Tage nach
dem Empfang meiner E-Mail schrieb mir Claus einen mehrseitigen Brief, den ich auszugsweise
hier veröffentlichen darf:

Lieber Norbert,
vielen Dank für die Bilder vom umgebauten Radio mit Wehrmachtsröhren.
Du hast mich damit an die Nachkriegszeit erinnert. Als im Mai 1945 der schreckliche
Krieg beendet war, begann für mich als Junge eine sehr erlebnisreiche Zeit...
Keiner hatte etwas und keiner wusste etwas. Doch von der Wehrmacht war vieles
übrig geblieben... Einer meiner Fundorte war die 8,8-cm-Flak-Stellung auf dem
Hungerberg in der Gemarkung von Aligse bei Lehrte und auch die dort im Dorfteich
versenkte Funkzentrale sowie die 10,5-cm-Flak-Stellung in Steinwedel. Die Bauern
montierten damals die Gummiräder ab. Ich suchte nach anderen Dingen...

Unser ältester Bruder Hans-Joachim gab mir vor Kriegsende noch per Feldpost
einige Hinweise: R = Widerstand, C = Kondensator und Gl = Gleichrichter ...
Ich entdeckte auf dem Hungerberg ein kofferähnliches Gerät mit vielen noch
heilen roten Rippenkörpern, es waren Selengleichrichter, am Geschütz fand ich
einen mit Löchern perforierten Kasten, nach dem Öffnen sah ich viele Widerstände
und Kondensatoren. Neben diesen Bauteilen sah ich dann auch die seltsamen braunen
Bakelitfassungen: Es sind die Fassungen für die von oben einsteckbaren kleinen
Wehrmachtsröhren. Ich fand die RV12P2000 und die größere RV12P4000....

Als Hans abgemagert und ausgemergelt, aber zum Glück unverletzt, aus dem Krieg
zurückkam, war er ziemlich erstaunt, als ich ihm in der Nähe von unserem
Hühnerstall im sogenannten "Holzstall" u.a. meine gesammelten Radio-Bauteile
von der Wehrmacht zeigte...

In Lehrte, dort ging ich zur Oberschule, habe ich bis zur Währungsreform 1948
viele Bauteile eingetauscht...


Im Jahre 1951, drei Jahre nach der Währungsreform, spielte immer noch in unserer
kleinen Stube in Aligse der Volksempfänger, den ich auch auf der Birkenauer
Radioausstellung in baugleicher Ausführung sofort wiedererkannte. In der Bundes-
republik ging es damals wieder bergauf. Das Familienfoto von uns Meier's mit den
großen Brüdern neben unseren lieben Eltern ( im Bild neben den Eltern links Claus,
rechts Hans) und uns 9-jährigen Zwillingen Gerhard und Norbert stammt aus Aligse
im Sommer 1952.

Familienfoto mit Eltern 1952

Als wir dann 1953 wieder nach Hannover zurückziehen konnten, war der Kauf eines
mit Drucktasten und UKW ausgestattetem Grundig-Radios ein besonders freudiges
Ereignis im neu eingerichteten Wohnzimmer. Die UKW-Taste am Grundig-Radio wurde
gedrückt und nach wenigen Sekunden hörten wir den Sender NDR Hannover. Für
meine Mutter hatten meine Brüder extra einen Zweitlautsprecher von der Firma

Isophon in der Küche angebracht.

Zweitlautsprecher

Damals war der Schlagersänger Gerhard Wendland im Rundfunk der Lieblingssänger
meiner Mutter mit dem bekannten Lied "Tanze mit mir in den Morgen".

Der alte Volksempfänger VE301WN mit den Röhren AF7 und RES164 wurde zum Basteln
und "Ausschlachten" für mich freigegeben. Auch meine damals 84-jährige Oma war
froh, dass der schwarze Kasten endlich verschwindet. Hatte sie doch 1944 mit diesem
Volksempfänger die Propagandasendungen von Goebbels und fast täglich die Reden vom
Chefkommentator beim Großdeutschen Rundfunk, H. Fritzsche, gehört und dabei an den
Endsieg geglaubt. Als strenge Oma hatte sie meinem ältesten Bruder mit der Anweisung:
"Sei leise, Fritzsche spricht!" untersagt, über die wahre und aussichtslose Kriegs-
lage aus der Sicht eines 17-jährigen Flakhelfers zu berichten: Die in Richtung Berlin
fliegenden Bomberverbände flogen am Himmel höher als die 8,8 cm Flak schießen konnte.

Meinen beiden älteren Brüdern Hans und Claus als Zeitzeugen danke ich für die erst
kürzlich geführten Gespräche über das Kriegsende vor 60 Jahren.

Ob ich im Verlauf des Jahres 2005 mit meinen Erinnerungen an die Nachkriegszeit ein
kleines Mittelwellen-Audion mit einer Wehrmachtsröhre selber bauen werde, bleibt
ungewiss. Einen Bastelvorschlag dafür habe ich aber in der Zeitschrift "Freizeit-
Elektronik" 1/2004 schon ausfindig gemacht. Der Schaltungsaufbau mit dem merkwürdig
erscheinenden Sockel für Wehrmachtsröhren könnte dann so aussehen:

Kleines MW-Audionradio


Herzliche Grüße an meine drei Brüder mit Familien in Hannover und Osnabrück.
Den Radiofreunden vom B-Radio wünsche ich viel Erfolg bei der nächsten
Präsentation in Birkenau; vielleicht kann man dort Radio via Internet hören.

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